
Wir besuchten ein einzigartiges Museum, das nicht nur wie üblich über nationale Geschichte informiert, sondern über die Geschichte eines gesamten Kontinents. Ein erstrebenswertes Projekt, das auch gut umgesetzt wurde, mit Kritik an EU, Kolonialismus und co., die immerhin *vorhanden* ist, im Vergleich zu anderen Einrichtungen wie dem Humboldt-Forum in Berlin. Bei genauerer Betrachtung weißt jedoch auch dieser kritischer Teil des Hauses der europäischen Geschichte Lücken auf. Für einige Exponate ist keine Möglichkeit der kontextuellen Einordnung gegeben, obwohl diese durchaus notwendig gewesen wäre, und je näher man zum aktuellen Zeitgeschehen vordringt, verläuft sich die kritische Berichterstattung zu bloßer Berichterstattung. Am Ende werden diese Beobachtungen mit einer Diskussion über gewagte Weltkartenabbildungen auf den Punkt gebracht.
Haus der europäischen Geschichte
Am Mittwoch, unserem ersten vollen Tag in Brüssel, nahmen wir am Vormittag an einer Führung durch das europäische Parlament teil. Am Nachmittag besuchten wir das Haus der europäischen Geschichte, das ganz in der Nähe des Parlaments gebaut wurde und durch einen schönen Park mit diesem verbunden ist.

Insgesamt fand ich das Museum deutlich besser gemacht als viele andere Museen und Ausstellungen, die ich bis jetzt besucht habe – es war eine Fülle an Informationen über die meisten Ausstellungsstücke vorhanden, die Exponate waren auf interessante Art und Weise in Szene gesetzt und nicht einfach nur nebeneinander aufgereiht und die technischen Hilfsmittel waren modern und funktionierten tatsächlich. Außerdem waren die interessantesten Zeitabschnitte, wie die Antike, Kolonialzeit und Industrialisierung in den unteren Etagen platziert und am ausführlichsten gehalten, wo die Aufmerksamkeitsspanne der Besuchenden noch am größten ist. Inhaltlich war das Museum zudem etwas reflektierter, als viele andere, die ich bis jetzt besucht habe. Zumindest waren immer mal wieder kritische Einwürfe über die Kolonialzeit zu hören, und das Leid der Menschen wurde nicht verharmlost.
Angemessene kritische Betrachtung der EU oder nur reine Befriedigungen der verschiedenen EU Fraktionen?
Im Austausch mit der Gruppe im Nachhinein stellte sich jedoch heraus, dass vielen die Kritik noch nicht weit genug ging, und immer noch zu viele Exponate, die die Kolonialzeit verherrlichten, keinen Erklärungstext und Kontext gehabt hatten. Im Zusammenhang damit konnte man als Zuschauer auch beobachten, wie Berichte über die EU deutlich neutraler wurden, je höher man in den Stockwerken kam (alias umso näher am aktuellen Zeitgeschehen die beschriebenen Prozesse stattfanden). Es kam der Eindruck auf, dass für den Bau des Museums sicherlich alle Parteien zufrieden gestellt werden mussten, sodass letztendlich nur die kleinsten gemeinsamen Nenner in Bezug auf aktuelle Politik Erwähnung fanden.
Der Austausch in unserer Gruppe führte daraufhin zu der Frage (bzw. indirekt Feststellung), warum Proteste und Kritik an politischen Verhältnissen in der betreffenden Zeit fast immer repressiv unterdrückt und von Machthabenden als höchst problematisch abgetan werden, während Proteste ähnlicher Natur hundert Jahre später (von ähnlichen Machthabenden) als heldenhaft oder lobenswert dargestellt werden. Mit anderen Worten: Warum können die wahren Tatsachen politischer Ereignisse immer erst mit großem Abstand zum Zeitgeschehen zugegeben und korrekt wiedergegeben werden? Daraus entstand auch die Frage, wie die Proteste von bspw. der Letzten Generation in ein paar Jahrzehnten gesehen werden könnten. Ich fand diese Diskussionen höchst interessant, da ich mich auch selbst öfter mit dieser Frage (bzw. Ungerechtigkeit) beschäftigt habe.

Australien stellt Weltkarte auf den Kopf
Im Rahmen des Berichts möchte ich aber unabhängig davon noch einmal auf einen eigenen kleinen Kritikpunkt eingehen, der mir relativ am Anfang der Ausstellung aufgefallen ist. Wir kamen an einen Teil der Ausstellung, wo eine Reihe von Karten aufgereiht war, die Europa und die Welt im Laufe der Zeit und über verschiedene Kulturen hinweg zeigt. Hier war Platz für eine große Diversität an Karten, sogar eine „Witzkarte“, in der die Nord-Süd-Verhältnisse umgedreht und Australien „on top of the world“ gezeigt wird, um den endlosen Down-Under Witzen zu entgehen und ihre Dominanz zu bekräftigen.



Fehlende Karte: Keine angemessene Repräsentation des afrikanischen Kontinents
Es fehlte allerdings eine Karte, die in letzter Zeit immer häufiger in systemkritischen Workshops und Bildungsmaterial Verwendung findet, nämlich die „Equal-Earth“-Karte, die die Kontinente der Welt in ihren tatsächlichen proportionalen Größenverhältnissen zeigt, jedoch mit verzerrten Winkeln. Die herkömmliche Mercator-Karte, die 1569 entwickelt wurde und seitdem fast überall abgedruckt ist, zeigt zwar richtige Formen und Winkel, gibt die Größenverhältnisse jedoch deutlich abweichend von der Realität wieder. So sieht Afrika auf der Mercator-Karte viel kleiner aus, als der Kontinent tatsächlich ist, während das kleine Europa und Russland, viel größer erscheint. Mit dieser Abbildungsweise geht auch eine Wahrnehmung des Betrachters bezüglich der Relevanz der jeweiligen Kontinente einher, und eine (absichtlich) eurozentristische Darstellung im Rahmen von kolonialen Kontexten ist hier natürlich zu vermuten. Deswegen wird seit längerem daran gearbeitet, die alte Mercator-Karte durch die neue Equal-Earth-Karte abzulösen. Ich dachte, dass die neue Karte mittlerweile auch relativ große Bekanntheit erreicht hat, und fand es deswegen sehr komisch, dass das Museum die offensichtliche Gelegenheit, diese Karte auszustellen, nicht genutzt hat. Auch dieser Umstand ist ein kleiner Teil der Gesamtkritik, dass das Museum nicht so kritisch geworden ist, wie es hätte sein können. Gerade in Zeiten des Rechtsrucks wäre es wichtig gewesen, als Museum eine solche Gelegenheit zu nutzen.
Die Veranstaltungsreihe „Wir und die EU“ wird von der Europäischen Union im Rahmen von Erasmus + als Jugendpartizipationsprojekt gefördert.

Das Projekt wird finanziert von der Europäischen Union. Der Inhalt gibt ausschließlich die Meinung der Autor:innen wieder. Die EU-Kommission und Jugend für Europa haften nicht für Folgen aus der Wiederverwendung.