Stadt-Erkundung in Brüssel mit politischer Streetart zum Gaza-Krieg

Auf nach Brüssel die EU Institutionen besser kennen lernen! Auf dem Weg durch Brüssel fällt auf, dass die Graffiti und politische Sticker Landschaft in Bezug auf Gaza einseitiger ist als in Berlin. Und wir lernen: auch wir sind manchmal Touris, die staunend durch eine neue Stadt laufen:

Bei der Ankunft in Brüssel fiel mir auf, dass wir als eine typische Touri-Gruppe auftraten. Touristische Gruppen verbleiben häufig in einem begrenzten, oberflächlichen Wahrnehmungsmodus. Auch aus Berlin kenne ich das Phänomen, dass Besucherinnen vor allem bestimmte visuelle Marker wahrnehmen – Orte, Unterkünfte, urbane Oberflächen wie Graffiti – während der soziale und politische Alltag der Stadtbewohnerinnen weitgehend unsichtbar bleibt.

In Brüssel zeigte sich entsprechend am ersten Tag ein auffälliger inhaltlicher Schwerpunkt im öffentlichen Raum: Politische Graffiti und Sticker bezogen sich nahezu ausschließlich auf den Krieg in Gaza. Besonders bemerkenswert war, dass diese Darstellungen durchgehend pro-palästinensische Positionen einnahmen. Im Vergleich zum deutschen Stadtbild stellt dies einen deutlichen Unterschied dar. Überklebungen oder entfernte Sticker ließen sich nicht erkennen, ob sie aus politischen Gegensätzen heraus oder aus anderen Gründen vorgenommen worden waren; in jedem Fall dominierte eine klare visuelle Erzählung.

Kolonialismus und Verantwortung
Angesichts der belgischen Kolonialgeschichte und der Präsenz zentraler EU-Institutionen erhielt diese Bildsprache zusätzliche Bedeutung. In unmittelbarer Nähe des Europäischen Parlaments und der EU-Kommission fanden sich großflächige Schriftzüge wie „Europa Komplize“ oder „Gaza vergisst nicht und vergibt nicht“, die eine Mitverantwortung der Europäischen Union am Krieg in Gaza implizieren. Diese Zuschreibungen werfen Fragen nach politischer Verantwortungszuschreibung, historischer Einordnung und begrifflicher Genauigkeit auf.

Genozid -ein unpassender Begriff?
Ich empfinde insbesondere den inflationären Gebrauch des Begriffs „Genozid“ im öffentlichen Raum als problematisch. Der Begriff wurde historisch geprägt, um spezifische Verbrechen zu benennen, etwa den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg, den Völkermord an den Herero und Nama oder andere international anerkannte Fälle ethnischer Säuberung. Seine Verwendung für jeden asymmetrischen oder hybriden Krieg birgt die Gefahr begrifflicher Unschärfe und historischer Relativierung.

Mitgefühl
Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass die Urheber*innen dieser Graffiti erhebliche persönliche Risiken eingegangen sind und beträchtliche Ressourcen aufgewendet haben, um ihre Solidarität mit einer militärisch unterlegenen und sozioökonomisch marginalisierten Bevölkerung zum Ausdruck zu bringen. Dieses Engagement ist als Ausdruck von Mitgefühl und politischer Anteilnahme ernst zu nehmen.

Täter – Opfer- Umkehr
Kritisch erscheint mir jedoch die damit verbundene Vereinfachung der Konfliktursachen, insbesondere dort, wo eine Täter-Opfer-Umkehr nahegelegt oder komplexe historische und politische Verantwortlichkeiten stark verkürzt dargestellt werden. Auch stellt sich die Frage, ob es nicht ausreichen würde, das Leid unschuldiger Zivilist*innen zu benennen, einen Waffenstillstand zu fordern und auf Gleichberechtigung zu insistieren, ohne dabei maximale Schuldzuschreibungen vorzunehmen oder die Europäische Union pauschal in die Rolle einer Kriegspartei zu setzen.

Diese Eindrücke während unserer Ankunft verdeutlichen, wie stark politische Narrative im urbanen Raum sichtbar werden – und wie notwendig eine differenzierte Auseinandersetzung mit Sprache, Bildern und historischen Bezugnahmen gerade im europäischen Kontext ist. Es hinterließ bei mir einen faden Beigeschmack, das arabischer Nationalismus oder islamistischer Terror als subkulturelle Chiffre verkürzt werden und das gentrifizierte Touristen-Viertel auf diese Art mit einem „radical chic“ dekoriert wird.

Die Veranstaltungsreihe „Wir und die EU“ wird von der Europäischen Union im Rahmen von Erasmus + als Jugendpartizipationsprojekt gefördert.

Das Projekt wird finanziert von der Europäischen Union. Der Inhalt gibt ausschließlich die Meinung der Autor:innen wieder. Die EU-Kommission und Jugend für Europa haften nicht für Folgen aus der Wiederverwendung.