
Während unseres Besuches in Brüssel besuchten wir das Besucher[:innen]zentrum der EU-Kommission neben dem bekannten Berlaymont-Gebäude. Wer langweiliges Bürokratiegedöns erwartete, wurde enttäuscht: Zwei spannende Vorträge über die Arbeit der Kommission boten uns viel Stoff zum Diskutieren. Was ein ganz geheimes Geheimzimmer von Ursula von der Leyen und eine 100 Jahre alte Statue damit zu tun haben, erfahrt ihr im Text.



VVP statt VDL
Am Mittwoch herrschte Verwirrung in der Europäischen Kommission: Ursula von der Leyen (VDL) war zu Besuch in Syrien, stattdessen prangte „Vereinigung für Vernetzung und Partizipation e.V.“ am Empfangsbildschirm des Besucherzentrums der EU Kommission! Wir waren etwas aufgeregt ob der obligatorischen Sicherheitsschleuse und der Eskorte durch einen Herren im sehr schicken Anzug in ein noch schicker Foyer. Hier gab es imposante Touch-Bildschirme, die uns die Arbeit der Kommission näher bringen sollten. Natürlich gab es viel herumzuklicken, eine Teilnehmner:in hat es sogar geschafft den falschen Knopf zu drücken und VDL verschwand hinter einem Buchstabensalat.

30.000 Mitarbeitende und ein Geheimzimmer
In ihrem umfangreichen Einführungsvortrag über die Kommission, erklärte uns eine nahbare echte Beamt:in der Kommission, dass VDL sogar eine eigene geheime Wohnung im Berlaymont Gebäude besitzt, damit sie effektiver arbeiten kann. Unsere Köpfe arbeiteten auch, und die Referent:in musste sich so vielen Fragen von uns stellen, dass sie ihren Vortrag nicht beenden konnte. Obwohl die EU manchmal sehr kompliziert aufgebaut ist, hat alles doch ein durchdachte System (außer dass es zwei Parlamentsgebäude gibt, zwischen denen die Abgeordneten umziehen müssen, aber das ist eine andere Geschichte:
https://vernetzungpartizipation.noblogs.org/post/2026/02/28/wie-funktioniert-eigentlich-das-konklave-wenn-niemand-latein-spricht/)
Dank des Vortrages haben wir die Funktionsweise dieses riesigen Regierungsapparats mit über 30.000 Beamt:innen nochmal viel besser verstanden.



Das Außenministerium Europas
Nach einer kurzen Pause erzählte uns ein Abteilungsleiter im anschließenden Vortrag von seiner Arbeit beim Europäischen Auswertigen Dienst (EAD (engl.: European External Action Service – EEAS)). Der EAD ist sozusagen das Außenministerium der EU, nur dass sich anstatt der einer Bundesregierung 27 Regierungen auf eine gemeinsame Linie einigen müssen. Clauss schilderte uns eindrucksvolle Details seiner Arbeit in der Abteilung Human Rights, die sich um die Einhaltung und Durchsetzung von Menschenrechten weltweit einsetzt. Er erzählte uns anekdotisch am Beispiel eines politischen Gerichtsprozesses in Pakistan, wie er und sein Team, sich in diplomatischer Feinarbeit für die Einhaltung von Rechtsstandards einsetzen. Dabei dürften sie jedoch nie zu weit gehen mit ihrer Kritik und ihren Forderungen um die grundsätzliche Dialogbereitschaft mit den entsprechenden Regierungen offen zu halten.

Widersprüche und Gleichzeitigkeiten
Fasziniert von der Erzählung diskutierten wir im Anschluss angeregt einige Fragen zur Ausrichtung und dem Wirken der EU und des EAD. In Anbetracht von Menschenrechtsverletzungen an den EU-Außengrenzen und dem zunehmenden Rechtsruck in den EU Mitgliedsstaaten, stellte sich uns hier die Frage, inwiefern der EAD an internationaler Kredibilität einbüßt. Die Exkursionsteilnehmenden diskutierten fleißig die Ambivalenz und Widersprüche des Projektes „EU“. Während die von der EU finanzierte lybische Küstenwache auf Seenotretter:innen im Mittelmeer schießt (https://correctiv.org/aktuelles/grenzpolitik/2025/08/25/libysche-kuestenwache-feuert-auf-private-seenotretter-offenbar-von-einem-aus-eu-mitteln-finanzierten-boot/), verhindern gleichzeitig die Beamt*innen des EADs vor Ort Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern. Wir stellten hier also eine Gleichzeitigkeit fest. Zufälligerweise entdeckten wir einen passenden Sticker an einem EU-Gebäude.

Menschenrechte oder Rechte Menschen
Unser Referent brachte einen spannenden Punkt auf, der bereits in anderer Form in einem VVP-Blogeintrag als „theory of change“ besprochen wird:
https://vernetzungpartizipation.noblogs.org/post/2025/10/08/unsere-reise-nach-barcelona-zur-ban-fossil-ads-konferenz/
Auf die Frage einer Teilnehmerin ob die Abteilung Human Rights des EAD in Zeiten zunehmender autoritärer Politik, bewaffneter Konflikte, abnehmender Pressefreiheit etc. für positive Veränderung sorgen kann, meinte der Beamte sinngemäß, dass es immer noch besser sei, sich gegen Rückschritte einzusetzen. Der EAD biete eine wichtige Instanz um eine internationale regressive Menschenrechtslage abzufedern.

Lesson learned?
Was nehmen wir nun mit für unsere Zukunft und unser Demokratieverständnis? Können wir im rechts-konservativen Backlash unserer Zeit als junge Europäer:innen für mehr fortschrittliche und emanzipatorische Ideale einstehen oder müssen wir uns auf die Verteidigung des sowieso suboptimalen Status-Quo einlassen?
Am Ende blieb die Frage ob die EU einen Hort emanzipatorischer Politik bilden kann und beispielsweise Rechte von Queeren Menschen vor rechten Akteuren in Europa wie Orban oder der AfD schützen kann. Unser Referent zeigte uns in einem Leitfaden festgehaltene Standpunkte zur LGBTQ-Politik die im aktuellen politischen Klima innerhalb der EU nicht mehr Beschlussfähig wären, aber weiterhin gelten. Das zeigt, dass die EU Standards bewahren kann, die auf nationalstaatlicher Ebene bereits ausgehebelt sind und nicht mehr gelten.

Europas Historische Verantwortung
Nach dem Besuch bei der Kommission spazierten wir (auf Empfehlung unseres Referenten) in den benachbarten Parc du Cinquantenaire, erbaut durch den Kolonialverbecher und König von Belgien Leopold II. Direkt am Eingang fiel uns eine Bronzestatue auf,erbaut zu „Ehren“ des General Thys. Dieser war seinerzeit mitverantwortlich für die brutale Ausbeutung der Bevölkerung in Belgiens/Leopolds II. Kolonie, der heutigen D.R. Kongo. Die Statue zeigt zwei Frauen in einer rassitisch-binären Darstellung von weißer Kolonialisiererin und Schwarzer Kolonialisierten. Wobei die „Europäerin“ mit ihrem rechten Zeigefinger den Weg sinnbildlich richtung „Zivilisation“ zeigt. Wir bemerkten, dass die Figur der Statue direkt auf die Rückseite des Gebäudes vom EAD zeigt( Full-Circle-Moment!). Wir fanden den Fakt, dass solch eine Statue heutzutage in einem städtischen Park steht, extrem problematisch und rassistisch. Dass sie dazu noch zufällig auf das EAD-Büro hindeutet, verdeutlichte uns, das wir uns als Europäer:innen kritisch mit der kolonialen Vergangenheit beschäftigen müssen. Auch um zu verstehen und zu hinterfragen, wieso eigentlich der EAD anderen Ländern erklärt, wie sie sich zu verhalten haben.

Europäische Doppelstandards
Inwiefern koloniale Kontinuitäten weiterhin europäischen Firmen ermöglicht die D.R. Kongo wirtschaftlich auszubeuten und wie Menschen sich dagegen wehren, könnt ihr hier im Erfahrungsbericht der Fahrt nach Barcelona vom VVP nachlesen:
https://vernetzungpartizipation.noblogs.org/post/2025/10/09/greenwashing-auch-im-kongo-ein-bericht-zum-vortrag-von-geraldine-deade-tanakula-von-scientist-rebellion-drc/
Erst weil europäische Konzerne wie Shell oder TotalEnergies in der D.R. Kongo und anderswo menschenunwürdige Lebensbedingungen herstellen, sind Menschen gezwungen zu migrieren. Die inhumanen Methoden und Zustände an den europäischen Außengrenzen zum „Schutz“ von Europa wirken deshalb umso zynischer auf einige von uns. Aus diesem Grund hielten Teilnehmende ein Schild mit den Worten „Fortress Europe: This Way“ und „Frontex or Human Rights?“ vor der Statue hoch. Damit verdeutlichen sie die absurde Verschränkung zwischen kolonialer Vergangenheit, neokolonialer Gegenwart und der Abschottung Europas. Mehr Schilder mit Fragen an die EU findet ihr hier:
https://vernetzungpartizipation.noblogs.org/post/2026/01/14/oeffentliche-performance-in-bruessel-unsere-fragen-an-die-eu/
Dass die Menschenrechtsabteilung im EAD von Mr Claude sich für einen humaneren Umgang an den Außengrenzen einsetzt, zeigt, bei 30.000 Toten im Mittelmeer innerhalb von 10 Jahren, eine klare Priorisierung in der Frage nach „Frontex or Human Rights?“

Mehr Infos und Erlebnisberichte aus Brüssel:
https://vernetzungpartizipation.noblogs.org/post/2026/01/14/wir-in-bruessel/
Die Veranstaltungsreihe „Wir und die EU“ wird von der Europäischen Union im Rahmen von Erasmus + als Jugendpartizipationsprojekt gefördert.

Das Projekt wird finanziert von der Europäischen Union. Der Inhalt gibt ausschließlich die Meinung der Autor:innen wieder. Die EU-Kommission und Jugend für Europa haften nicht für Folgen aus der Wiederverwendung.