
Am ersten Tag unserer Exkursion nach Brüssel haben wir an einer Führung durch das Gebäude des europäischen Parlamentes teilgenommen. Wir konnten uns den Plenarsaal in aller Ruhe anschauen, da keine Sitzungswoche war. Dabei waren die 24 Übersetzungskabinen als Symbol für die Sprachenvielfalt in der eine Parlamentssitzung stattfindet besonders spannend.
Zu meiner großen Verwunderung musste ich im Zuge unseres Besuches im Europäischen Parlament feststellen, dass viele der Parlamentarier zwar Aliens ohne Bezug zur Realität sind, aber trotzdem nicht über den äußerst nützlichen Babelfisch verfügen.
Auch ist etwa nicht Englisch die Amtssprache in der EU, sondern vielmehr sind alle 24 verschiedenen in den Mitgliedsstaaten gesprochenen Sprachen gleichberechtigt. Jede der 24 Amtssprachen muss also in 23 andere Sprachen übersetzt werden. Dies entspräche dann allerdings 552 Kombinationen, womit fast so viele Übersetzer*innen nötig wären wie Abgeordnete. Eine direkte Übersetzung wäre damit nahezu unmöglich.
Um sich von diesen mathematischen Unbequemlichkeiten Abhilfe zu verschaffen, verwendet das EU-Parlament ein sogenanntes Relais-System: Das heißt, es wird in einem ersten Schritt in eine der meistgesprochenen Sprachen wie Deutsch, Englisch, Französisch oder Spanisch übersetzt. Von dieser Übersetzung wird dann wiederum in die restlichen Amtssprachen übersetzt. Trotzdem ist es der Anspruch der Übersetzer*Innen des EU-Parlaments, maximal zwischen 5 s und 10 s für die Übersetzung zu benötigen.
Dass es sich beim Übersetzen im EU-Parlament um einen besonders anstrengenden Job handelt, dürfte klar sein, und damit meine ich noch nicht einmal, sich den ganzen Tag das Geschwafel so mancher Abgeordneten anhören zu müssen. Übersetzer*innen arbeiten unter dem enormen Druck, das gesprochene Wort möglichst schnell und unverfälscht weiterzugeben. Sie sind gezwungen, ihre persönlichen Anliegen und Ansichten nicht in ihre Arbeit einfließen zu lassen. Eine unmögliche Aufgabe, wie uns unser Guide erklärte: So geschah es, dass ein Übersetzer während einer Rede Selenskyjs vor dem Europäischen Parlament von den geschilderten Kriegsgräueln so tief bewegt war, dass er mitten in der Übersetzung hörbar in Tränen ausbrach.

Länger als 30 Minuten ist eine Live-Übersetzung, wie sie im Europäischen Parlament stattfindet, kaum möglich um sie doch bereitzustellen wird im Tandem gearbeitet und abgewechselt. Neben dem gesprochenen Wort werden aber auch alle anderen Texte und vor allem Gesetze der EU in die Sprachen der jeweiligen Länder übersetzt. Hierfür gibt es innerhalb der Behörden den speziellen Übersetzungsdienst der „Lawyer Linguists“, der auf die genaue Übersetzung juristischer Texte spezialisiert ist. Davon, dass diese Leute ganze Arbeit leisten, durften wir uns im Haus der Europäischen Geschichte selbst überzeugen. Eindrucksvoll ist dort die gesamte Gesetzgebung der EU ausgedruckt und zur Schau gestellt.