
„Whose streets? Our streets!“: Unter diesem Motto haben sich eine Woche lang junge Aktivist*innen aus Paris und Berlin am Wannsee getroffen, um über Werbung im öffentlichen Raum zu diskutieren. Nach Workshops und Gesprächen im Abgeordnetenhaus gipfelte das deutsch-französische Vernetzungstreffen am Donnerstag, den 26.3.26 in gemeinsame Interventionen im öffentlichen Raum. „Wir haben am Hermannplatz und vor der Arena in Friedrichshain digitale Werbeanlagen mit Klebezetteln mit Sprüchen gegen Werbung verdeckt“ bekennt Jerome Bàr, Sprecher*innen der Aktivist*innen. „Außerdem haben wir mit einer Performance mit Gesang und selbstgebastelten Masken Aufmerksamkeit erregt für die Unterstützung der Volksinitiative Berlin Werbefrei!“

Workshops zu Werbung
In den gemeinsamen inhaltlichen Veranstaltungen diskutierten die Teilnehmer*innen über die Folgen von Werbung. Der Berlin Busters Social Club steuerte einen vielbeachteten Workshop zu Rassismus und Sexismus in der Werbung bei. Doch das Highlight lieferte ein Online-Workshop des aus Paris online zugeschalteter Neurowissenschaftlers Dr. Mehdi Khamassi, Forschungsdirektor am Pariser Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) der Sorbonne für Robotik und Neurowissenschaften:
„Werbeanzeigen zeigen bewegte Bilder mit hoher Helligkeit: Sie sind darauf ausgelegt, automatisch unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Sie nicht anzuschauen, würde unserem Gehirn erhebliche Anstrengungen zur Hemmung abverlangen. Das menschliche Gehirn verarbeitete Werbeinformationen, ob wir wollten oder nicht. Es sei schwierig, sich den Einflüssen der Werbung zu entziehen: „Meistens zielen Werbeanzeigen weniger darauf ab, unser bewusstes Nachdenken über die Eigenschaften des Produkts und dessen Nutzen für unser Leben anzuregen, sondern vielmehr darauf, unsere Wünsche und unser Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit zu wecken.“ so Dr. Khamassi.

Gespräche im Abgeordnetenhaus
Einen ganzen Programmtag verbrachten die Teilnehmenden im Berliner Abgeordnetenhaus. Dort trafen sie die Abgeordneten Dr. Micheal Efler (Linke) und Julian Schwarze (Grüne). Im Vordergrund der Gespräche standen die Möglichkeiten, die sich den bisherigen Oppositionparteien bieten, falls sie nach der Wahl im Herbst in der Regierung sein sollten. Beide stellten Regulierungen für große Werbeanlagen in Aussicht.

Schwarze Folie hilft
Schneller als der politische Prozess geht jedoch Selbsthilfe: Das aufdringliche Blinken und Leuchten der immer öfter im Straßenbild anzutreffenden digitalen Werbeanlagen lässt sich erstaunlich einfach beenden: Ein großes Stück schwarze Folie reicht. Statt der Werbung sind nun kunstvolle Schriftzüge auf schwarzem Hintergrund zu sehen: „No Ads more Art“ und der Berliner Bär der Initiative Berlin Werbefrei sind darauf zu sehen. „Die Werbung, die in Berlin sonst allgegenwertig ist, haben wir auf diese Weise kurzzeitig verschwinden lassen“ erklärt Jerome Bàr.

Post-its statt Werbung
Gut geeignet sind auch Klebezettel. Wie große Post-its lassen sich diese einfach mit einer kleinen Notiz wie „Kein Bock auf Werbung!“ versehen und sich beschädigungsfrei auf die Werbeanlagen kleben. „Der öffentlichen Raum sollte kollektiver genutzt und nicht von einigen wenigen Unternehmen beschlagnahmt werden“ so Jerome Bàr.

Bunt statt Werbung
Auch mit bunten Klebezetteln lässt sich aus Werbung schnell und einfach ein Kunstwerk machen. Dazu klebt man einfach viele Klebezettel in Reih und Glied auf eine Werbevitrinen. Die Aufmerksamkeit der Umstehenden ist dabei garantiert.

Massiv Interesse erzeugt
Die Klebezettel und abgedeckten Werbevitrinen erregten auf dem Hermannplatz einiges an Aufmerksamkeit. Dies nutzten Aktivistinnen für Gespräche mit Passant*innen und für das Sammeln von Unterschriften für das Volksbegehren Berlin Werbefrei. „Beim Sammeln halfen auch unsere Bär-Masken“ erklärt Jerome Bàr. Diese hätten massiv Interesse erzeugt.

Eigene Poster in Werbeanlagen
Einige Aktivist*innen, die an dem Vernetzungstreffen teilnahmen, probierten auch das Kapern von Werbevirtinen. Das geht mit handelsüblichen Steckschlüsseln aus dem Baumarkt und ist nicht verboten. Zusätzlich platzierten sie eigene mit Stencils selbst gemachte Plakate in den Werbevitrinen. Dabei achteten sie darauf, keine Plakate zu stellen. Denn dann ist es auch nicht verboten, wie der Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Mohamad El-Ghazi von der Uni Trier hier in seinem Podcast erklärt:
https://das-letzte-wort.buzzsprout.com/1122260/episodes/5406019-episode-9-adbusting

Bi-nationale Kooperation
Organisiert haben das bi-nationale Vernetzungstreffen die Organisation Résistance à l’Agression Publicitaire (RAP) aus Paris und die Vereinigung für Vernetzung und Partizipation e. V. aus Berlin (VVP). RAP existiert seit mehr als 30 Jahren. Die Organisation setzt sich mit Lobbyismus und Zivilem Ungehorsam mit Basisgruppen in ganz Frankreich für Werbe-Verbote ein. Die Vereinigung für Vernetzung und Partizipation e. V. gibt es seit 2020 und beschäfftigt sich größtenteils mit Jugendbeteiligung.

Werbung umgibt uns: ständig, überall
In einer Zeit, in der Fragen der sozialen und ökologischen Gerechtigkeit in der öffentlichen Debatte noch nie so viel Beachtung gefunden haben, nehmen die Anzahl der Werbeanzeigen und der Platz, den sie in unserem Blickfeld einnehmen, stetig zu. Beim Frühstück zwischen zwei Beiträgen der Radiosendung am Morgen, in den U-Bahn-Stationen auf dem Weg von zu Hause zur Arbeit, in den sozialen Netzwerken und vor dem Aufrufen bestimmter Smartphone-Apps, über Werbe-E-Mails in unseren Posteingängen, als Produktplatzierungen in den Folgen unserer aktuellen Lieblingsserie… Die vielfältigen Formen der Werbung dringen offen oder auf subtilere Weise in unseren Alltag ein.

Schädliche Folgen
Zahlreiche Studien zeigen, dass Werbung viele schädliche Folgen hat, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht sichtbar sind. Eine digitale Werbevitrine verbraucht zum Beispiel so viel Einergie wie 10 Single-Haushalte. Weitere Umweltschäden werden durch die Anstiftung zu übermäßigen Konsum verursacht. Außerdem beenträchtigt Werbung die öffentliche physische und psychische Gesundheit. Zum Beispiel durch die Werbung für stark verarbeitete, zucker- oder fettreiche Produkte.

Maßnahmen mehrerer europäischer Städte
Angesichts der Auswirkungen von Werbung auf die Menschen im öffentlichen Raum haben mehrere europäische Städte bereits Maßnahmen ergriffen. So hat beispielsweise Grenoble (Frankreich) seit etwa zehn Jahren nahezu jede Form kommerzieller Werbung abgeschafft. Ausschließlich kulturelle, vereinsbezogene oder künstlerische Plakatierung sind erlaubt. Die Stadt Amsterdam (Niederlande) hat erst kürzlich Werbung für Fleisch und fossile Energien verboten. „In Berlin hingegen schießen Werbetafeln und -bildschirme in den Straßen der Stadt wie Pilze aus dem Boden“ sagt Jerome Bàr „Die Stadtverwaltung muss endlich Maßnahmen zur Regulierung von Werbung ergreifen.“

Volksbegehren unterschreiben!
Das momentan stattfindende Volksbegehren „Berlin Werbefrei“ sammelt Unterschriften von Wahlberechtigten für eine deutliche Reduzierung von Werbung im öffentlichen Raum. Digitale und riesige Anlagen sollen ganz verschwinden, die Werbung im Nahverkehr in Anzahl und Format deutlich reduziert werden. Bis zum 8. Mai können Menschen noch unterschreiben: https://berlin-werbefrei.de/

Mehr Informationen:
Jugendpartizipationsprojekt „Whose streets? Our streets?:
https://vernetzungpartizipation.noblogs.org/post/category/whose-streets-our-streets/
Résistance à l’Agression Publicitaire (RAP) aus Paris:
https://antipub.org/
Volksbegehren Berlin Werbefrei:
https://berlin-werbefrei.de/
Die Veranstaltung wird von der Europäischen Union im Rahmen von Erasmus + als Jugendpartizipationsprojekt gefördert..

Das Projekt wird finanziert von der Europäischen Union. Der Inhalt gibt ausschließlich die Meinung der Autor:innen wieder. Die EU-Kommission und Jugend für Europa haften nicht für Folgen aus der Wiederverwendung.