
Mit dem Projekt „Wir forschen! Kreativer Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ suchen wir Spuren von subversiven Kommunikationsguerilla-Aktionen gegen die Nazis. Warschau ist dafür ein guter Ort. Die polnische Hauptstadt war während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg gleich zweimal der Ort von Aufständen. Dies zeigt sich auch in den Museen der Stadt. Militärische Themen dominieren, doch unter den Exponaten sind auch einige Zeugnisse von subversiven kreativen und künstlerischen Widerstandshandlungen.

In Warschau
Beim Ortstermin in Warschau haben wir mehrere Museen und historische Städten besucht. Exponate, die auf kreative Kommunikationsguerilla gegen die deutsche Besatzungsmacht hindeuten, haben wir in zwei Museen gefunden: Im Museum für den Warschauer Aufstand und im Polin Museum.

Museum für den Warschauer Aufstand
Das 2004 eröffnete Museum für den Warschauer Aufstand erinnert daran, dass sich mehrere Tausende Widerstandskämpfer*innen der Polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa, kurz AK) im Zweiten Weltkrieg gegen die deutsche und später auch gegen die sowjetische Besatzungsmacht wehrten. Der Warschauer Aufstand begann am 1. August 1944 und zog sich 63 Tage bis zum 2. Oktober hin. Im Verlauf des Aufstandes ermordete die deutsche Armee hunderttausende Polin:innen. Die Schätzungen schwanken zwischen 150.000 und 225.000 toten Opfern.

Ghetto-Aufstand
Bereits im Jahr 1943 erhoben sich am 19. April die im Ghetto Warschaus zusammen gepferchte und zur Vernichtung vorgesehenen Juden gegen die Herrschaft der Deutschen. Die Mörder und Verbrecher brauchten fast einen Monat, bis zum 16. Mai 1943, um den Aufstand niederzuschlagen. Auch diese Geschichte findet in einem Museum in Warschau statt: Im Polin-Museum. Das Polin-Museum zeigt die Geschichte der polnischen Juden. Es wurde 2014 eröffnet und zeigt den Zeitraum vom Mittelalter bis jetzt. Die Shoa nimmt selbstverständlich einen großen Raum im Museum ein. Hier findet man ebenfalls viele Informationen über den Aufstand im Ghetto.

Aufstand im Stadtbild sichtbar
Die Aufstände sind heute sehr sichtbar in der Gedenkkultur der polnischen Hauptstadt: Die Zeichen „AK“ sind überall im Stadtbild präsent. Das Symbol der Heimatarmee ziert auch das Museum zum Aufstand. Der Natur der Sache entsprechend geht es im Museum viel ums militärische Geschehen. Unter den ausgestellten Exponaten finden sich jedoch auch einige Beispiele für subversiven Widerstand.

Graffiti
Um der Bevölkerung und der Besatzungsmacht zu zeigen, dass es einen Widerstand gibt, verwendete die AK Graffiti. Mit diesen Graffiti verspottete der Widerstand auf recht unterhaltsame Art und Weise die Symbole der Besatzer*innen. Reproduktionen und Bilder im Museum zeigen zeitgenössische Graffiti.

Eines verwendet damals bereits das bis heute beliebte „Hangman“-Symbol. Doch statt einer abstrakten Person hängt hier ein Hakenkreuz am Galgen. Auch Hitler als Personalisierung des Faschismus und der deutschen Besatzungsmacht bietet sich als angreifbares Symbol an. Seine Scheitel-Frisur und Barttracht machen es leicht, in zu karikieren. Ersetzt man seine Augen noch durch SS-Runen, so sehen diese aus wie tote Augen in Comics.


Blutflecken
Ein Bild zeigt eine Plakatwand mit öffentlichen Anschlägen. Darunter ist auch ein Erlass der deutschen Besatzungsmacht mit Hinrichtungsmeldungen (besser: Ermordungsmeldungen). Dieses Plakat hat eine unbekannte Person hat mit kleinen Spritzern roter Farbe das Plakat mit den Mordmeldungen gerahmt. Es wirkt, als befänden sich auf und rund um das steril und sachlich gestaltete Plakat Blutflecken. Dies konterkariert die bürokratische Fassade und Schuldabwehr des deutschen Regimes und seiner Schergen.

Sich die Sprechposition aneignen
Der Widerstand konterkarierte das öffentliche Auftreten der deutschen Besatzer*innen aber nicht nur, es eignete sich auch dessen offizielle Sprechposition an. Die Heimatarmee wandte sich mit gedruckten und im öffentlichen Raum an Wände plakatierten Kommuniqués an die polnische Öffentlichkeit. Dabei verwendet sie ein ähnliches damals modernes Design für Behördenschreiben wie die deutsche Besatzungsmacht. Doch als Sprache der Anrede nutzt der Widerstand selbstverständlich Polnisch statt Deutsch. Mit diesem Verfahren unterstreicht der Widerstand auch mit dem Erscheinungsbild seiner Plakate seinen Anspruch, die legitime Autorität zu sein und macht mit dem Design der Besatzungsmacht visuell die Macht streitig.

Spott auf dem Klingelschild
Im Polin-Museum gibt es die Nachbildung eines Hauseinganges. Der Hauseingang hat Klingeln. Das Türschild zeigt: Aufgrund der Überbelegung im Ghetto sind mehrere Familien pro Wohnung einquartiert. Das Türschild gibt deswegen an, wie oft man bei der entsprechenden Wohnungsklingel klingeln solle, um eine bestimmte Familie zu kontaktieren: Lurie einmal, Rotztein zweimal, Brandtstätter 3 usw. Am Ende steht: „Polizei: Sechs mal mit dem Kopf gegen die Tür klopfen“.

Realistisch?
Kann diese Nachbildung realistisch sein? Der Artikel „Vom Leben, Kampf und Tod im Ghetto Warschau. Für meinen Sohn David“ des Historikers Josef Wullf gibt vielleicht eine Antwort. Der Text ist bereits 1958 in der Reihe „Aus Politik und Zeitgeschichte (ApuZ) erschienen (ApuZ 1958/15). Wolf war Historiker und Überlebender der Shoa. Er zitiert in dem Text aus dem Ringelblum-Archiv. Über die Durchsetzungsfähigkeit der Behörden zitiert er Ringelbaum unter der Überschrift „Hausgemeinschaften“:
„Eine der größten Errungenschaften im Ghetto war die Schaffung der sogenannten Hauskomitees. Das Wirken dieser Hausgemeinschaften brachte mit bewundernswertem Erfolg Außerordentliches zustande. Auf diese Weise wurde jedes einzelne Haus im Ghetto zu einer selbständigen kleinen Stadt mit tausenden von Bewohnern, die unter der Oberaufsicht der Sozialen Selbsthilfe ein emsiges Eigenleben führten. Daraus ergab sich eine seltsame Situation. Der Judenrat als ausführendes Organ, die Polizei und überhaupt der gesamte Verwaltungsapparat waren so gezwungen, auf den verschiedensten Gebieten immer wieder die Unterstützung und Hilfe der Selbsthilfe-Organisationen in Anspruch zu nehmen. Es wäre sonst unmöglich gewesen, in jene „Festungen“ einzudringen, die so eine Hausgemeinschaft darstellte. Trotz größter Anstrengungen, gelang es dem Judenrat jedoch niemals, einen grundsätzlichen Einfluß auf die Hausgemeinschaften auszuüben.“

Fazit?
In den Warschauer Museen zu den Aufständen in der Stadt gegen die deutsche Herrschaft dominieren militärische Themen, Exponate und Geschichten. Zeugnisse von kreativen und subversiven Widerstands-Aktionen finden sich in der Vorbereitung der Aufstände. Hier ging es darum, den Menschen Mut und Hoffnung zu geben. Dazu eignen sich Aktionen aus dem Werkzeugkasten der Kommunikationsguerilla. Der Widerstand kommt zu guten Gelegenheiten aus dem Untergrund, manifestiert sich mit Zeichen und greift so den Allmachtsanspruch des deutschen Besatzungsregimes in aller Öffentlichkeit sichtbar an.

Das Regime kann sich gegen kleine versteckte Handlungen nur mit massiven Personaleinsatz wehren. Doch in dem Moment, wo die Aufstände los gehen, treten diese Aktionen in den Hintergrund. Sie können kein Territorium erobern und keine Straßenzüge gegen Soldaten halten. In diesem Moment treten militärische Widerstandshandlungen in den Vordergrund und in die Museumsvitrinen. Ab diesem Moment dominieren militärische Widerstandshandlungen das Geschehen und später die Museumsvitrinen.
Was zu lesen:
Lewis Johnson, Randall: Weighing the anchor: Lotmanian perspectives on the Fighting Poland symbol. In:Sign Systems Studies 51(3/4), S. 638–667. University of Tartu Press (Estland), 2023:
https://ojs.utlib.ee/index.php/sss/article/view/23486/17862
Wullf, Josef: „Vom Leben, Kampf und Tod im Ghetto Warschau. Für meinen Sohn David“. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Apuz), 15/1958, Bonn. Im Internet einsehbar unter:
https://www.bpb.de/system/files/apuz_files/1958-15-/APuZ_1958_15_Vom_Leben_Kampf_und_Tod_im_Ghetto_Warschau._F_r_meinen_Sohn_David.pdf
Online-Ausstellung „Besetzter Raum “ vom Deutschen Buch- und Schriftmuseum:
https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/besatzung#s3
Mehr Infos:
Museum des Warschauer Aufstandes:
https://www.1944.pl/en
https://de.wikipedia.org/wiki/Museum_des_Warschauer_Aufstandes
POLIN-Museum:
https://polin.pl/en
https://de.wikipedia.org/wiki/Museum_der_Geschichte_der_polnischen_Juden