Die rote Rote Kapelle: Mit Adbustings gegen Hitler

Eine der wenigen Widerstandsorganisationen im deutschen Faschismus war die sogenannte „Rote Kapelle“. Eine der bekanntesten Aktionen des Netzwerkes ist ausgerechnet eine Adbusting-Aktion. Damit protestierten etwa 20 Menschen mitten im Faschismus mitten in Berlin gegen eine rassistische und antisemitische Ausstellung von Beutewaffen. Leider verurteilte und ermordete die deutsche Justiz für diese Aktion einige ihrer Angehörigen brutal mittels Würgegalgen.

Das Sowjet-Paradies

Es ist Sonntag, der 17. Mai 19421. Die Wehrmacht kämpft gerade bei Kharkiv und Isjum in der Ukraine. Noch geht es vorwärts, die Berliner*innen sind siegesgewiss. Noch weiß niemand, dass der erneute Griff zur Weltmacht bereits im Dezember ein für alle Mal mal im Kessel von Stalingrad enden wird. Derweil hat Propagandaminister Joseph Goebbels eine Outdoor-Ausstellung mit Beutewaffen auf der Museumsinsel aufbauen lassen. Die Ausstellung heißt „Das Sowjetparadies“. Sie zeigt anknüpfend an koloniale und antikommunistische Diskurse mit rassistischen Bildern,2 wie „unterentwickelt“ und „barbarisch“ das Leben in der Sowjetunion angeblich sei. Die Ausstellung wird mit großem Aufwand in der gesamten Hauptstadt beworben. Es gibt fast keine Straßenecke, an der nicht auf einer Litfaßsäule Plakate für Goebbels Ausstellung werben.

Aktionsplanung

Am Abend füllt angespannte Aufregung die Wohnung des 26jährigen Feinmechanikers Fritz Thiel in der Nürnberger Straße 33/34 in Berlin-Wilmersdorf nahe der U-Bahnstation Nürnberger Platz3. Hier haben sich die Studentinnen Liane Berkowitz und Ursula Götze, Oberleutnant Harro Schulze-Boysen, Reichsbahninspektor Otto Gollnow, der Romanist Werner Krauss und Friedrich Rehmer, Lehrer, versammelt.4 Die heterogene Gruppe bildet den aktivistischen Kern eines Netzwerkes, das die Gestapo „Rote Kapelle“ nennen wird. Die Gestapo halluziniert die Rote Kapelle als straffes durchorganisiertes sowjetisches Spionagenetzwerk. In der Realität darf man sich eher ein loses informelles Beziehungs-Netzwerk vorstellen.

Einer der Kristallisationspunkte des Netzwerkes sind das Ehepaar Mildred-Fish und Arvid Harnack. Sie ist 40 Jahre alt, promovierte Literaturwissenschaftlerin und arbeitet an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Uni. Ihr Ehemann ist ein Jahr älter und arbeitet als Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium. Nebenbei ist er ebenfalls Dozent an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät in der ehemaligen Bauakademie am Schinkelplatz 6. Diese Hochschule ist eine extrem gleichgeschaltete Kaderschmiede der Nazis, ausgerechnet hier etabliert das Ehepaar einen regimekritischen Diskussionszirkel zur Sowjetunion.

Einen weiterer Knotenpunkt des Netzwerkes bilde das Ehepaar Libertas und Harro Schultze- Boysen. Er ist 33, sie 29. Beide kommen aus bestem Hause: Sie gehört zum Hochadel, er ist ein Großenkel des kaiserlichen Großadmirals von Tirpitz. Die sind sehr charismatisch und verkehren mit Menschen aus allen Bevölkerungsschichten.

Die jüngeren Mitglieder der Gruppe besuchten gemeinsam ein Abend-Kolleg. Aus einer Lerngruppe entwickelte sich dort eine widerständige Clique, die über Studierende der Harnacks mit dem Netzwerk in Kontakt kamen.

Entsetzen über die Propaganda

Die Mitglieder der Gruppe haben sich die Ausstellung mehrmals angesehen und ist entsetzt darüber, wie gut sie bei ihrem Mitmenschen ankommt. Deswegen hat die Gruppe beschlossen, eine Adbusting-Aktion mit Klebezetteln durchzuführen. Besonders in der Nähe der Ausstellung5 wollen sie tausende Überkleber auf den Werbeplakaten für die Ausstellung anbringen6. Auf den vier cm x 14 cm großen Überklebern steht „Ständige Ausstellung: Das Nazi-Paradies. Hunger. Lüge. Gestapo. Wie lange noch?“7 Die Überkleber haben Fritz Thiel und der Pressefotograf John Graudenz auf einem Matrixen-Drucker hergestellt und verteilt. An der Aktion beteiligen sich 18 insgesamt Menschen in zwei weiteren Gruppen. Namentlich bekannt sind der Bürokaufmann Wolfgang Thiess und die Studentin Maria Terwiel.

Szene aus dem DDR-Film „KLK an PTX- Die Rote Kapelle“, Defa 1970

Schmiere stehen mit der Knarre in der Hand

Die Gruppe teilt sich in zwei Dreier-Gruppen auf. Liane Berkowitz und Otto Gollnow simulierten beim Kleben eine heteronormative Zweier-Kiste, Schultze-Boysen stand auf der anderen Straßenseite in Luftwaffenuniform mit griffbereiter Pistole. Im zweiten Strike-Team übernahmen Werner Krauss und Ursula Götze den Päarchen-Teil, während vermutlich Friedrich Rehmer in Uniform mit der Waffe sicherte.8 Die Aktion lief erfolgreich ohne Störungen, lediglich Otto Gollnow überkam irgendwann die Panik und er warf die Hälfte seiner Überkleber weg.

Aufregung bei der Gestapo

Die Aktion erregte einiges Aufsehen in der Stadt9. Eine solch große und mutige Aktion hat die man im Reichssicherheitshauptamt lange nicht gesehen. Die Aufregung vergrößerte sich noch, als am nächsten Tag10 ein Brandsatz in der Ausstellung zündete, jedoch lediglich einen Schwelbrand, der gelöscht werden konnte, verursachte. Eine Gruppe im Untergrund lebender Juden um die neunzehnjährige Marianne Baum und den zwanzigjährigen Elektriker Herbert Baum war für den Anschlag verantwortlich. Die Gruppe wurde wenige Tage später von einem Spitzel verraten und über dreißig ihrer Angehörigen von der deutschen Justiz ermordet. Seit 1981 erinnert an die Gruppe ein nach der Wende veränderter Gedenkstein im Lustkarten zwischen Schloss und Dom an.

Verfolgung

Auf die Spur der Adbuster*innen um Harro Schultze-Boysen kam die Gestapo nur durch Zufall. Schultze-Boysen hatte 1941 von ihm und weiteren Verbündeten gesammelte Hinweise für den bevorstehenden Angriff auf die Sowjetunion an die zu diesem Zeitpunkt noch bestehende sowjetische Botschaft übergeben. 1942 versuchten er und seine Freunde Fritz Thiel, Arvid Harnack, der Schriftsteller Adam Kuckhoff und der Hilfsarbeiter Hans Coppi per Funk weitere Spionage-Informationen an die Sowjets zu geben.

Der deutschen Spionage-Abwehr viel ein Funkspruch der GRU11 in die Hände. Dieser war zwar verschlüsselt, doch bei einer Razzia in Paris viel der Gestapo der Schlüssel in die Hände. Der Funkspruch enthielt den Namen und die Adresse Schultze-Boysens als Ansprechperson für sowjetische Agent*innen. Die Gestapo ermittelte fortan unter dem Namen „Rote Kapelle“ gegen mehrere 100 Personen und ließ diese im Herbst 1942 verhaften. Die anschließenden Morde der deutschen Justiz überlebte von den genannten Personen lediglich der damals 42jährige Romanist Werner Kraus. Er wurde später in Marburg und Leipzig Universitätsprofessor.

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Szene aus dem DDR-Film „KLK an PTX- Die Rote Kapelle“, Defa 1970

Verklärung in West und Ost

In der BRD prägte ausgerechnet der Justiz-Mörder Manfred Roeder12 die Historiografie zur Roten Kapelle. Röder war der leitende Staatsanwalt und machte mit den Todesurteilen Karriere. Auch auch dem Krieg verunglimpfte er das eher diffuse bürgerlich-antagonistische Netzwerk als straff geführte sowjetische Spionage-Zelle. In der DDR wurde dieser Narrativ dankbar aufgegriffen, und die „Rote Kapelle“ zu heldenhaften kommunistischen James Bonds und Traditionsstifter*innen für das MfS13 verklärt.14 Sehr gut sehen kann man beides an den etwa zeitgleich entstandenen Film „KLK an PTX- Die Rote Kapelle“ der DEFA von 1970 und der Serie „Die Rote Kapelle“ der ARD von 1971. Beide Filme zeigen die „Rote Kapelle“ als strafe kommunistische von Moskau geleitete Spionageorganisation. Lediglich der Film der Ost-Berliner DEFA-Studios zeigt ganz zu Anfang die Adbusting-Aktion, um Sympathie mit den Charakteren zu erzeugen.

Wie attraktiv Adbusting-Aktionen für die Legitimation der DDR waren, zeigt eine Briefmarkenserie aus dem Jahr 1962. Die Marken vermischen Gesichter der kommunistischen Kader-Widerstandsgruppe um Bernhard Bästlein und Anton Saefkow aus Hamburg mit denen von Schultze-Boysen und dem Ehepaar Harnack aus Berlin. Interessant dabei: Im Hintergrund der wirklich konspirativ auf Spionage bedachten Gruppe um Bästlein und Saefkow zeigen die Marken, wie eine Person auf der Straße eine Litfaßsäule mit einem Störer „Stürzt Hitler“ beklebt. Im Hintergrund der offen auf der Straße agierenden Gesichter um die Harnacks und Schultze-Boysen findet sich ein privates Zimmer mit einem Matrizendrucker.

Gedenken für Adbuster*innen

Wer heute z. B. am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus (27.1.) den ermordeten Adbuster*innen gedenken möchte, hat dazu an vielen Orten Gelegenheit. Ein besonderer Ort ist das Ehrenmal im Innenhof des Hauptgebäudes der Berliner Humboldt-Universität. Dieser im Jahr 197615 errichtete Stein ist den „Im Kampf gegen den Hitler-Faschismus Gefallenen“ gewidmet. Er trägt die Namen von einigen der wenigen ehemaligen Universitätsangehörigen, die im Widerstand aktiv wurden.16 Mit dabei: Die Adbusterinnen Maria Terwiel, Ursula Götze und Liane Berkowitz, die für ihre Aktion von der Justiz ermordet wurden.

Bildhinweis:

Bild 1:

Reproduktion einer Aktion der Roten Kapelle aus der Ausstellung „Werbepause-The Art of Subvertising“ im Kunstraum Kreuzberg, 2022

Bild 2:

Briefmarkenserie „Antifaschisten“, 1964. Aus:

Bild 3:

Denkmal für Ursula Goetze und andere Opfer des Hitlerfaschismus in Berlin-Mitte, Humboldt-Universität, Evergreen68 für Wikimedia https://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_Goetze#/media/Datei:Goetze_Ursula_Berlin_Humboldtuniversit%C3%A4t.jpg

Fußnoten:

1Das Datum ist unklar. In der Literatur wird auch der 22.5.1942 genannt.

2Lorenz, Oliver: Die Ausstellung „Das Sowjetparadies“: nationalsozialistische Propaganda und kolonialer Diskurs. Paris 2016. https://journals.openedition.org/allemagne/376

3Gibt es nicht mehr, wurde ersetzt durch die Station Augsburger Platz

4Ob Friedrich Rehmer trotz oder wegen seines Lazarettaufenthalts tatsächlich teilgenommen hat, ist in der Literatur umstritten. Einige meinen, es könnte auch seine Schwester Gerda Rehmer gewesen sein.

5Guckhoff, Greta: Vom Rosenkranz zur Roten Kapelle. Berlin (Ost) 1972 S. 227, 308 und 320ff

http://www.mythoselser.de/schulze-boysen.htm

6Kellerhoff, Sven Felix: So bekämpften Hitler-Gegner die Hass-Show im Berliner Lustgarten. In: Welt, 18.5.2022. https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article238827207/Widerstand-gegen-NS-Propaganda-Kampf-gegen-Hass-Show-1942-in-Berlin.html

7Mit dem Wording „Nazi-Paradies“, dass auf „Sowjet-Paradies“ antwortet, kam die Gruppe der Realität erstaunlich nahe, denn viele Bilder der Ausstellung waren mit Hilfe von Häftlingen des KZ Oranienburgs entstanden.

8Was genau das sollte, ob sie zur Ablenkung in die Luft schießen oder eventuelle Aktivbürger*innen oder Schergen verletzten oder töten wollten, ist unklar.

9Tuchel, Johannes: Motive und Grundüberzeugungen des Widerstandes der Harnack/Schultze-Boysen-Organisation. Zum Denken und Handeln von Liane Berkowitz und Friedrich Rehmer. In: Kurt Schilde (Hrsg.): Eva-Maria Buch und die „Rote Kapelle“, Berlin 1993. S. 103. https://www.was-konnten-sie-tun.de/uploads/tx_iobio/l_berkowitz_literatur.pdf

10Auch hier ist das Datum unklar, in der Literatur werden unterschiedliche Daten genannt.

11Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije (Hauptverwaltung der Aufklärung), sowjetischer Militärgeheimdienst. Besteht bis heute in Russland fort und lässt Leute mit Polonium vergiften und mitten im Kleinen Tiergarten am helllichten Tag in den Kopf schießen.

12Manfred Roeder (1900-1971), zuletzt General-Richter. Als Oberstkriegsgerichtsrat bei der Staatsanwaltschaft leitete er die Ermittlungen gegen die angebliche „Rote Kapelle“, die er sich als straffes Spionagenetzwerk vorstellte. Als nationalsozialistischer Überzeugungsschreibtischtäter war für die außerordentlich hohen Strafmaße und die Ablehnungen der Gnadengesuche direkt verantwortlich.

13Ministerium für Staatssicherheit, kurz Stasi. Die Stasi war in der DDR neben dem Unterdrücken der Bevölkerung auch für Auslandsspionage im Westen zuständig. Ausgerechnet der Physiker Robert Havemann, Mitglied der „Roten Kapelle“, musste unter der Stasi, die die „Rote Kapelle“ vereinnahmte, besonders leiden.

14Mit der jüdischen Widerstandsgruppe um Marianne und Herbert Baum konnte hingegen keine der beiden deutschen Republiken bei ihrer Traditionsbildung etwas anfangen.

15Die Datierung ist unklar.

16Aufgrund der Archivlage ist unklar, ob alle der Genannten wirklich alle mal an der HU waren.