
Aus dem belgischen Widerstand sind überraschenderweise mindestens zwei gefälschte Zeitungen überliefert. Gefälschte Zeitungen Als der ganz heiße Scheiß werden immer wieder gefälschte Tageszeitungen vermarktet. Das Konzept dahinter ist immer gleich: Man druckt eine Zeitung im offiziellen Erscheinungsbild. Die Zeitung verkündet jedoch nur gute Nachrichten und zeigt damit, dass eine andere Welt möglich wäre. Doch diese Idee ist nicht neu, bereits der Belgische Widerstand verwendete dieses Konzept.
Der gefälschte „Abend“
„Warum nicht Belgiens größte Zeitung fälschen?“ fragte sich im Oktober 1943 Marc Aubrion. Der verheiratete Mit-Dreißiger war vor der deutschen Besetzung Belgiens im Mai 1940 Journalist. Nun im Jahre 1943 arbeitete er im Untergrund für die kommunistische Widerstandsbewegung “Front de l’Indépendance“ (FI).
Was ist die Front de l’Indépendance?
Die FI gründete sich 1941 aus der kommunistischen Partei heraus. Ihr gelang es, breite Kreise der Bevölkerung anzusprechen. Wie sehr sie bei der Befreiung Belgiens von September 1944 bis Februar 1945 eine Rolle spielte durch Unterstützung der alliierten Armeen ist umstritten. Fakt ist, sie geleitete ortskundig alliierte Truppen, bewahrten den Hafen von Antwerpen vor der Zerstörung und ermordeten Kollaborateure. Nach der Befreiung Belgiens lies die konservative Regierung ihre Kämpfer*innen entwaffnen.
Etwas tun?
Angestoßen haben die Idee vermutlich Gespräche in der Zeitungsredaktion des „Bulletin National Interieur“, einer Widerstandszeitung für die Marc Aubrion schrieb. Die Zeitungsredaktion veröffentlichte im Herbst 1943 einen Aufruf, „etwas zu tun“, um den 25. Jahrestag des Waffenstillstands vom 9. November 1918 zu begehen. Aubrion war fasziniert. Er zog den Redakteur René Noël, alias Jean, ebenfalls in den Dreißigern, ins Vertrauen: „Wie wäre es, zum 35. Jahrestag der deutschen Kapitulation im 1. Weltkrieg 1918 die Kapitulation Nazi-Deutschlands im Zweiten Weltkrieg zu verkünden?“ Noël war begeistert.
Eine Zeitung kapern?
Die Freunde diskutierten zuerst ergebnislos das Kapern des Rundfunkes. Nach einigen belgischen Bieren fiel ihnen jedoch auf, dass ihr Wissen und ihre Kontakte vielleicht ausreichen würden, Marcs alte Arbeitsgeber*in, die Zeitung „ Soir“ (Der Abend) zu kapern. Belgiens damals größte Tageszeitung mit einer Auflage von 250.000 Exemplaren war seit dem Beginn der deutschen Herrschaft fest in der Hand von Nazi-Kollabarateuren wie Herge, dem etwa gleichaltrigen Erfinder von „Tim & Struppi“. „Wäre es nicht wundervoll, dieses Sprachrohr der deutschen Propaganda am Jahrestag die deutsche Niederlage verkünden zu lassen?“
Waffenstillstand?
Der 9. November, an dem 1918 die deutsche Regierung die bedingungslose Kapitulation unterzeichnete, war in der Zwischenkriegszeit in Europa in den 1914 von Deutschland überfallenen Ländern bereits in wichtiger Gedenktag. Und im Oktober 1943 ist der deutsche Machtbereich bereits gefährlich am schrumpfen.1 Zwar morden die deutschen Soldaten noch auf dem ganzen Balkan, im Baltikum und bei Smolensk laufen die sogenannten „Rollbahnschlachten“ gerade erst an, doch Stalingrad war schon, das Afrika-Korps ist bereits kollabiert, Sardinien, Korsika, Sizilien und Rom sind bereits durch alliierte Landungen befreit. Und im Nachbarland Frankreich war es Charles de Gaulle und Jean Moulin gelungen, aus dem Marqui die Résistance zu formen. Was liegt da näher, als am 35. Jahrestag des Endes des 1. Weltkrieges das absehbare Kriegsende des Zweiten zu feiern?
Feiertag in vielen Ländern
Heute ist der 11. November in Belgien, Groß-Britannien und Frankreich ein Feiertag für die Veteranen. In Deutschland wurde der Tag nie gefeiert. Zu sehr identifizierte man sich trotz der Revolution mit dem Kaiserreich und seinem militaristischen Müll. Bis heute weigern sich die Bundeswehr, ihren Veteranentag zusammen mit den befreundeten Ländern am 11.11. zu feiern und wählte mit dem 15. Juni stattdessen wieder einmal einen deutschen Sonderweg.
Fälschungen bereits vorm Krieg verbreitet
Der 1940 unter unklaren Umständen in Frankreich gestorbene Kommunist Willy Münzenberger beschreibt in einem Artikel bereits 1937, dass das Fälschen von Wahlkampfflyern und – Zeitungen der rechten Partei „Rex“ in der belgischen Linken recht üblich gewesen sei: „In Nachahmung der Rex-Zeitung „Le pays reels“ wurde ein Witzblatt „Le pays re-heil“ herausgegeben. Eine andere Zeitung trug den Titel: „La voix de Berlin“ (die Stimme von Berlin) und wo immer Rex Redner auftraten, scholl ihnen der Sprechchor katholischer und sozialistischer Jugendlicher entgegen: „A Berlin, a Berlin!“ Auf dieses Wissens schätze griffen offensichtlich im Laufe des Weltkrieges die Widerstandsgruppen zurück.
Verbündete finden
Die beiden Journalisten machten sich ans Werk, es blieben ihnen nur 21 Tage. Zuerst zogen die beiden zwei Kollegen ins Vertrauen: Fernand Demany, genannt Charles, war vor dem Krieg genau wie Marc Journalist*in beim „Soir“ gewesen. Nun war der 39-Jährige praktischerweise einer der Stabschef der „FI“. Für ihr Unternehmen konnten sie außerdem Théo Mullier gewinnen. Der Drucker arbeitete immer noch beim „Soir“ und klaute die originalen Ersatz-Drucktypen für den Titel und die Distributionslisten des Zeitungsvertriebs. Das journalistische Team komplettierten der Staatsanwalt Adrien van den Branden de Reeth und der Rechtsanwalt Pierre Ansiaux.
Wer zahlt?
Jetzt fehlte zwei Wochen vor dem Tag des Waffenstillstandes nur noch das nötige Kleingeld. Hier kommt die einzige Frau im Team ins Spiel: Andrée Grandjean, 33 Jahre alt und Anwältin. Grandjean lebte im Untergrund, da sie bereits in den Dreißigern Kader bei der von Willy Münzenberger aufgebauten „Roten Hilfe International“ war, und als Anwältin in Nazi-Deutschland die gleichaltrige Widerstandskämpferin Olga Benario-Preste verteidigt hatte. Die Anwältin hatte gute Kontakte: Alfred Fourcroy, Unternehmer und Fluchthelfer für abgestürzte alliierte Piloten, fand die Idee so gut, dass er 50.000 Gulden spendete.

Die Drucker
Unternehmer Fourcroy kannte außerdem einen Druckmeister, der ihnen bei der praktischen Seite des Unternehmens helfen konnte: Ferdinand Wellens, der die Aktion nicht überleben sollte. Dank Wellens schlossen sich die Drucker Pierre Lauwers, und Jean Plas, der Rotativist Henri Vandevelde, der Typograf Pierre Balencourt und der Linotype-Künstler Julien Oorlynk ihnen an.

Wie im Krieg drucken?
Doch wie fälscht man eine Tageszeitung mitten im Krieg? Der Krieg hilft einem. Die Deutschen plünderten und beuteten Belgien systematisch bis aufs letzte Hemd aus. Der daraus resultierende Papiermangel sorgte dafür, dass der „Soir“ nur noch dreimal die Woche erschien. Und auch nur noch auf einem einzigen Druckbogen mit vier Seiten. Es gelang der Gruppe, genug Papier aufzutreiben. Die Druckplatten erstellte Pierre Lauwers, Ferdinand Wellens Team druckte in der Nacht zum 7. November zwei Tage vor der Aktion 50.000 Exemplare des gefälschten „Soir“. Die Zeitung feiert in feiner Ironie Erfolge der Alliierten, verspottet die Wehrmacht und macht Hitler lächerlich. Vom Kleinanzeigenteil über die Nachrufe bis hin zu den Anzeigen war jeder Absatz eine Farce, die sich gegen Kollaborateure richtete oder die Exilregierung oder die Befreiung des Landes feiert.
Subtile Botschaften im Layout
Bereits das Layout enthält subtile Botschaften. Auf den ersten Blick muss den damaligen Leser*innen aufgefallen sein, dass der gefälschte Soir zwei Bilder mehr als gewöhnlich auf dem Titel trägt. Eines zeigt einen Bomber mit der Unterschrift „Mitten im Gesehen“. An sich nichts ungewöhnliches, die deutsche Propaganda zeigte gerne ihre angeblich überlegenen Waffen. Doch dieser Bomber trägt kein Hakenkreuz, sondern einen Stern: Denn es ist eine amerikanische B-17 „Flying Fortresses“.
Hitler erschrocken?
Das zweite Bild zeigt Hitler zum Himmel schauend in Richtung des Bombers mit den Worten: „Das habe ich …“. Die Notiz dazu erklärt: „Unser Schriftsetzer hat einen Fehler gemacht. Die beiden separaten Fotos hätten nur eins sein sollen. Herr Hitler hatte sichtlich erschrocken, als er fliegende Festungen über sich hinwegfliegen hörte. Unser Reporter hat ihn genau in dem Moment eingefangen, in dem er die Worte des Kaisers übernommen hatte: „Das habe ich nicht gewollt.“
Bedingungslose Kapitulation
Die Schlagzeile der gefälschten Ausgabe lautete: „Die Konferenz von Berlin: „Bedingungslose Kapitulation“. Der Text berichtet, dass sich Hitler, Mussolini und der japanische Kaiser in Berlin getroffen hätten, um die bedingungslose Kapitulation vorzubereiten. Völlig konträr zum Kriegsverlauf planen sie grotesk die Aufteilung der Beute.
Ironie
Die Titel der Seiten, wie auch im Rest der Zeitung erscheinen auf den ersten Blick zunächst unverdächtig, doch sie strotzen vor subtiler Ironie. Zum Beispiel der mit „Effective Strategy“ überschriebene Artikel. Der Autor ahmte die den Lesenden wohlbekannte verschlungene Prosa von Maurice-George Olivier nach, einem kollaborativen Journalisten:
„Es ist kein Geheimnis in Berlin, wo eine scheinbare Ruhe eine gewisse Besorgnis verbirgt, die nicht frei von einer vagen Hoffnung ist, dass die Operationen im Osten in eine neue Phase eingetreten sind – oder bald eintreten werden, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man die Situation betrachtet kaum von der gegenwärtigen Phase abweichen, abgesehen von einigen Änderungen. … Man könnte sagen, ohne fürchten zu müssen, selbst durch die Propaganda Moskaus widerlegt zu werden, dass dank des Herbstfeldzugs der Winterfeldzug auf den Sommerfeldzug folgte. … Der Verlauf dieser drei Feldzüge zeigt also, dass der deutsche Generalstab zu keinem Zeitpunkt die nicht zu unterschätzende Kontrolle über den Saisonablauf verloren hat. Es ist auch bekannt, dass das deutsche Oberkommando seine seltenen Kommentare mit verbalen Reserven begleitet, die umso zahlreicher werden, je geringer die militärischen Reserven sind.“
Elastische Verteidigung
Anschließend verspottet er die feindliche Propaganda und macht sich nebenbei über die militärischen Konzepte der Igel-Verteidigung und der elastischen Verteidigung lustig: „Die Taktiken von Strömen, Igel-Rückzug und Stachelschwein-Widerstand wurden durch elastische Verteidigung abgelöst. Der Erfolg sollte nicht zunichte gemacht werden; Abgesehen davon, dass es die überzeugendste Widerlegung der falschen Darstellung, dass es dem Reich an Gummi mangelt, liefert, zeigt es auch auf die am wenigsten eindringliche Weise, wie wenig intellektuell entwickelt die Vorstellung ist, die Stalin und seine Generäle von der modernen Kriegsführung haben. Bisher konnten sie sich der elastischen Verteidigung nicht widersetzen, außer durch einen Angriff ohne Waffenstillstand oder Ruhepause. Es sollte festgestellt werden, dass diese Art der Kriegsführung trotz ihrer wesentlichen Vorteile für jeden Militärkritiker, der diesen Namen verdient, äußerst eintönig ist. Es ist schwer zu verstehen … Der Generalstab der Sowjets beharrt darauf, den deutschen Truppen, die zurückschlagen, die Stirn zu bieten. Diese blinde Sturheit könnte Konsequenzen haben, wie nur gute Beobachter allmählich erkennen.“
Frontberichtserstattung
Ein weiterer Artikel auf der ersten Seite war das „Deutsche Kommuniqué“: „An der Ostfront bleibt die Situation trotz bemerkenswerter Veränderungen unverändert. Im trapezförmigen Dreieck Krementchoug-Odessa-Dnipropetrowsk-Mélitopol waren die Eindringversuche des Feindes überall von Erfolg gekrönt, außer an den Stellen an der Front, wo unsere Soldaten den sowjetischen Vormarsch durch das geschickte Manöver der Massenkapitulation behindert haben. Im Gefüge einer kolossalen elastischen Verteidigung wurden alle Städte nachts und auf Zehenspitzen evakuiert. (…) „In anderen Frontabschnitten verbucht die deutsche Wehrmacht weiterhin beachtliche Abwehrsiege. Innerhalb von acht Stunden haben die Sowjets doppelt so viel Männer und Material verloren, wie sie bei ihren Einsätzen eingesetzt hatten.“
Bissiger Witz im Kleingedruckten
Weniger subtil ging es im Kleingedruckten zu. Der Anzeigenteil zog mit Galgenhumor über den Alltag her: Die Zeitung verkündete, dass am Tag des Waffenstillstandes die Brotrationen auf 500 Gramm hoch gesetzt würden. Die Zeitung enthielt Nachrufe auf Kollaborateure aus der Redaktion des echten „Soir“. Voller Spott ist auch das Kinoprogramm. Angeblich laufen Filme wie „OLYMPIADE – Teil 1: Der Marathon von El Alamein nach Sidi Barani“ und „OLYMPIADE – Teil 2“, der Marathon von Sidi Barani bis zur Küste“ mit Feldmarschall Rommel in einer „maßgeschneiderten Rolle“. Außerdem im Programm: „The UNSINKABLE“; in der Hauptrolle: „Die gesamte britischen Marine“.
Defensiv siegen?
Schließlich brachte FauxSoir unter dem Titel „Internationale Woche“ und dem Untertitel „Vom Picking Back zum Defensivsieg“ den Punkt auf den Punkt, indem er Folgendes behauptete:
„Was das deutsche Oberkommando interessiert, ist weder der Kreml, noch die bolschewistische Izbas, noch das unzugängliche Zentrum des Piccadilly Circus … Die Wehrmacht hat im Laufe der letzten zwölf Monate den beeindruckendsten Verteidigungssieg errungen, der jemals in der Geschichte verzeichnet wurde.“

Die Auslieferung
Doch wie die Zeitungen verteilen? Die Gruppe teilte die 50.000 Exemplare. 5000 Stück bereiteten sie in 50 Paketen a 100 Stück für die Auslieferung an die Kioske vor, die anderen verteilten sie an FI-Gruppen im Land für anschließendes Fundraising.
Schein-Luftangriff?
Die Gruppe bat über die Kanäle der FI zur belgischen Exilregierung in London das britische Command der Royal Air Force (RAF) um einem Scheinangriff auf Brüssel am 9. November um 14h. Das einsetzende Chaos des Luftalarms und die Verzögerungen im Betriebsablauf wollte die Gruppe nutzen, um die Zeitung an die Kioske zu bringen. Zu den Paketen legten sie einen Zettel, der sich für die Störungen im Betriebsablauf entschuldigte und weitere Exemplare zu einem späteren Zeitpunkt versprach.

LKW abfackeln
Leider zeigte sich, das die RAF nicht reagierte. Aus diesem Grund organisierte die Gruppe einen Angriff auf den Vertriebs der Zeitung. Auf Geheiß des beteiligten FI-Stabschef Fernand Demany griff die Jugendbrigade des Widerstandes am Mittag des 9. Novembers den Fuhrpark des Vertriebs des „Soir“ mit Molotow-Cocktails an (man sieht: Die militanten Attacken aus der Student*innenbewegung auf Springer 1968 hatten Vorbilder). Es gelang ihnen, etwa die Hälfte der LKWs des Verlags-Fuhrparkes abzufackeln. Die Attacke erreichte die für die Verteilung der gefälschten Zeitungen notwendigen Verzögerungen im Betriebsablauf.
Falsch? Oder gestohlen?
Es gelang der Gruppe, alle 50 ausgewählten Kioske mit je 100 Exemplaren zu beliefern. Die zur regulären Lieferzeit gegen 16h auftauchenden Kuriere behaupteten, es sei zu Störungen im Betriebsablauf gekommen, die Lieferung verzögere sich, dass seien die ersten Exemplare, weitere würden folgen. Die Zeitungshändler*innen verkauften die Exemplare teilweise völlig unbedarft, andere ließen ihre Kunden zwischen „falsch“ und „gestohlen“ wählen.

Stadtgespräch
Die Aktion wurde Stadtgespräch in Brüssel. Die Zeitungen wurden unter Hand weiter gegeben. Medien im unbesetzten London berichteten, die RAF holte den in der gefälschten Zeitung beschriebenen, aber nicht durchgeführten Scheinangriff mit einem Tag Verspätung nach, um die Wirkung der Aktion noch zu verstärken.

Repression
Die Besatzungsmacht kochte. Der echte „Soir“ druckte in der nächsten Ausgabe ein wütendes Dementi. Innerhalb von zwei Wochen gelang es der Gestapo, die Druckmaschine zu identifizieren, die die Widerstandskämpfer benutzt hatten. Sie verhaftete das Druckteam.
Tote
Jean Plas und Ferdinand Wellens (28.2.1945) wurden von der deutschen Polizei ermordet. Die deutsche Polizei meuchelte auch Théo Mullier, der die originalen Druckstempel besorgt hatte. Pierre Balencourt, Julien Oorlynk und Henri Vandevelde überlebten die Haft.
Überlebende
Als nächstes traf es Jean Hella, Besitzer eines Cafés, in dem die Zeitungspakete gelagert worden waren. Er überlebte die Haft. Wegen anderen Dingen landete auch Unternehmer Alfred Fourcroy in den Fängen der deutschen Polizei. Er überlebte jedoch. Was er nach dem Krieg tat, ist nicht überliefert.
Von Folter gezeichnet
Marc Aubrion wurde denunziert und am 3. März 1945 verhaftet. Die Deutschen verurteilten ihn zum Tode. Nach einer Begnadigung deportierten sie ihn nach Bayreuth. Amerikanische Truppen befreiten Aubrion am 14. April 1945. Er litt bis an sein Lebensende unter den Verletzungen durch die Folterer. Weitere zwölf Verhaftete konnten alliierte Soldaten im Zuge des Vormarsches im Lager Breedonk vor den mordenden deutschen Behörden retten.
Aufständig auch nach dem Krieg
Fernand Demany, Staabschef der FI, war nach dem Krieg Vorsitzender der kommunistischen Partei und für diese Abgeordneter. Er verbrachte auch im befreiten Belgien mehrere Jahre im Knast wegen des Organisierens von Aufständen. Er starb 19.6.1977.
Menschenrechtsanwältin
Andrée Grandjean, Kader bei der Roten Hilfe International. Anwältin von Olga Benario-Prestes heirate nach dem Krieg den ebenfalls im Widerstand aktiven Physiker Max Cosyns. Sie wurde Abgeordnete und arbeitete weiter als sozial engagierte Anwälting. Andrée Grandjean starb am 29.11.1999.
Die Aktion war so erfolgreich, dass sie Nachahmer*innen fand. Als nächstes versuchte der Widerstand, das „Signal“ zu fälschen. Das „Signal“ war eine Propaganda-Zeitschrift, die in den besetzten Ländern in den jeweiligen Landessprache erschien, und den dort Lebenden die Großartigkeit des deutschen Faschismus nahelegen sollte. Im „Signal“ wurde das vom „Stern“ bekannte Prinzip der Illustrierten erfunden, das auf große aufregende Emotionen weckende Bilder setzt. Eines von Minister Goebbels Lieblingskindern war das „Signal“.

Gefälschtes Signal
1943 sabotierte der belgische Widerstand mittels sozialistischer Gewerkschaftler*innen bei der belgischen Post die Verschickung der Signal und schleuste stattdessen eine gefälschte Ausgabe in die Distribution. Die Fälschung von damals folgt bereits dem Prinzip, dass so eine Zeitung nur gute Nachrichten enthält. So zeigt das Titelbild zwar wie gewöhnlich den kleinen Deutschen mit dem noch kleineren Bart. Doch dieser trägt bereits Handschellen. Leider scheiterte die Verteilung und die Aktion wurde kein Erfolg.
Popkultur
Die Aktion rund um den gefälschten „Soir“ ist fest verankert im kulturellen Bewusstsein der Belgier*innen. Noch heute erwecken Berichte, Bücher und sogar Comics großes Interesse. Im September 2026 erscheint ein Kinofilm zum Thema1. Die Bilder von Spielszenen, die wir hier verwendet haben, stammen aus dem Film „Un soir de joie“ (Ein Abend der Freude) von 19552. Regisseur Gaston Schoukens, 1901 geboren, in Brüssel lebend, war Zeitzeuge des Geschehens. Ihm gelingt es, die unterschiedlichen Reaktionen der Menschen überzeugend darzustellen. Der Film ar ein Publikumserfolg ; die Kritiken bemängelten, dass der Film das Thema mit zu viel guter Laune darstelle.
Fake News?
Die Nachrichten im gefälschten Soir waren wahrer als die im Echten. Am gefälschten „Soir“ lässt sich deutlich der Unterschied zwischen Fake News und Kommunikationsguerilla zeigen. Fake news sind ein Betrug. Sie sollen geglaubt werden. Ihre Schöpfer wollen, dass ihre Lügen für wahr gehalten werden. Kommunikationsguerilla hingegen säat Zweifel. Die Brüsseler lesen die Wahrheiten aus der gefälschten Zeitung, kommen angesichts der Übertreibungen ins Zweifeln und fragen sich: „Warum glaube ich, das die Autoritäten so mit mir sprechen? Warum bezweifele ich es?“ Im Gegensatz zu Fake News, die einfach geglaubt werden, führt Kommunikationsguerilla beim Publikum zum Hinterfragen dessen, was als wahr gilt, und der Mechanismen, wie diese Wahrheit konstruiert wird.
1https://deadline.com/2025/09/michael-r-roskams-le-faux-soir-arieh-worthalter-1236557013/