
So in etwa könnte eine polnische Protestaktion gegen die nationalsozialistische Zwangsarbeit ausgesehen haben, die nur in einer Gestapo-Akte dokumentiert ist. Die Nazis gaben mit dem Slogan „Jedź z nami do Niemiec“ (dt.: „Fahrt mit uns nach Deutschland“) nach Außen den Anschein, die Zwangsarbeit basiere auf Freiwilligkeit. Polnische Widerständler*innen änderten den Spruch in „Jedźcie sami do Niemiec“ (dt.: „Fahr selbst nach Deutschland!“), was wir per Bildbearbeitung in rot in ein Foto der Propagandaparole montiert haben. Mit solchen geistreichen Eingriffen in die Propaganda der Zwangsarbeit setzten Widerständler*innen öffentliche Zeichen gegen die deutschen Besatzer. Die Nazis stellten solche Aktionen unter Todesstrafe.
Vom Blitzkrieg zur Zwangsarbeit
Eines der weniger beachteten deutschen Verbrechen im zweiten Welteroberungsversuch ist die Zwangsarbeit. Weil das mit dem Blitzkrieg und der Welteroberung für die Deutschen überraschenderweise nicht geklappt hatte, war niemand auf einen langen Krieg, in dem sich die Angegriffenen wehren, vorbereitet. Da deutsche Männer entweder tot oder in der Wehrmacht waren, fehlten zunehmend Arbeitskräfte in der Rüstungsindustrie.
„Freiwillige“ Zwangsrekrutierungen
Aus ideologischen Gründen griffen die Deutschen ungerne auf weibliche, deutsche Arbeitskräfte zurück. Stattdessen versuchten sie, Arbeitskräfte im besetzten Europa zu rekrutieren. Zunächst wurde dies mit Propaganda begleitet, die Freiwilligkeit suggerierte, doch griffen die Deutschen zusehends zu Zwangsmaßnahmen. An vielen Orten riegelte das deutsche Militär einfach Dörfer ab, deportierte arbeitsfähige Menschen und tötete den Rest.
Rassismus tötet
Auch in Deutschland wurde es nicht besser. Die Menschen arbeiteten zwangsweise unter mörderischen Bedingungen und wurden einem tödlichen, rassistischen Alltagsregime unterworfen. Wer mit Deutschen auf der Straße sprach, musste mit dem Tod rechnen. In den besetzten Ländern verstanden das die Leute sehr schnell. Ein weiter Teil der Partisan*innen, die landauf, landab gegen die deutsche Besatzung kämpften, rekrutierte sich aus untergetauchten, freiwillig gemachten Arbeitskräften. Dementsprechend groß war der Protest und Widerstand gegen die als freiwillig verbrämten Zwangsrekrutierungen.

Widerstand in Polen
In der Gedenkstätte Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide sind mehrere Widerstandsaktionen gegen die Zwangsarbeit dokumentiert1. Von dort stammt auch das hier abgebildete Faksimilie einer Gestapo-Akte. In dem dokumentierten Brief berichtet ein Gestapo-Offizier seinen Vorgesetzten, dass der polnische Widerstand regelmäßig die als „Informationsbüro“ getarnte Werbestelle angreife. In der Regel scheint dies mit Bombenattentaten und Beschuss aus Kleinwaffen geschehen zu sein. Der Brief dokumentiert jedoch auch ein Adbusting, also die kreativ-satirische Umgestaltung von Werbung: „Die im Stadtgebiet unterhaltenden Werbestellen zur Anwerbung von polnischen Arbeitskräften für deutsche Firmen (nach außen hin ‚Informationsbüro‘ genannt) sind in letzter Zeit verschiedentlich das Ziel von Sabotageakten geworden. Die Anwerbebüros sind alle durch ein großes Transparent mit der Aufschrift: ‚Jedz z nami do Niemiec‘ versehen. Die Übersetzung lautet: ‚Fahrt mit uns nach Deutschland‘. In der Nacht von 25. zum 26.4.1942 wurde an der Werbestelle Neue Welt 68 dieses Schild durch Übermalen mit schwarzer Farbe in ‚Jedzcie sami do Niemiec‘ abgeändert. Nach dieser Abänderung lautet der Text auf deutsch: ‚Fahrt selbst nach Deutschland'“.

Widerstand in Niederlande
Ein anderes Beispiel, das ebenfalls in Schöneweide dokumentiert ist, spielt in den Niederlanden. In Dortrecht oder Sliederecht (oder in beiden Städten, sie liegen nebeneinander) hatte der Stadtkommandant der Wehrmacht Plakate aushängen lassen, die einen Termin mitteilen, an dem sich alle von der „freiwilligen“ Arbeitspflicht Betroffenen zu melden hätten. Der Widerstand überklebte die Plakate jedoch mit einem Störer, der mitteilte, dass der Termin um einen Monat verschoben sei. Bei einem kleinen Teil der arbeitspflichtigen Bevölkerung dürfte dadurch tatsächlich der Eindruck entstanden sein, dass sie sich nicht melden bräuchten. Viel wichtiger dürfte aber ein anderer Effekt sein. Alle Leute, die sich davor drücken wollen, in der faschistischen Aufrüstungsindustrie verheizt zu werden, aber leider bei einer Razzia angetroffen werden, können sich rausreden: „Was? Ich dachte, der Termin ist erst nächsten Monat!“
Nonchalante Kriegsverbrechen
Das scheint auch der Stadtkommandant zu begreifen. Laut dem dokumentierten Aktenschnipsel ordnet er deshalb eine Ausgangssperre an. Darüber hinaus verkündet er, dass alle Menschen, die beim Plakatieren angetroffen werden, auf der Stelle erschossen werden. Die Nonchalance, mit der ein deutscher Offizier Kriegsverbrechen anordnet, zeigt, wie selbstverständlich und tief die deutschen Militärs, die zehn Jahre nach dem Ende des Faschismus die Bundeswehr gründeten, in den Vernichtungskrieg verstrickt waren.
Kreativer Protest verunsichert
Die deutschen Reaktionen auf den kreativen Widerstand gegen die Zwangsarbeit zeigen, wie sehr diese Art des Protestes die Nazis verunsicherte, und welches Potenzial sie solchen Aktionen beimaßen. Kreativer Protest war im Nationalsozialismus daher auch nicht weniger gefährlich, als ein Attentat zu planen. Mit Papier und Kleister riskierten die Widerständler*innen ihr Leben.
- Gedenkstätte Zwangsarbeit in Berlin Schöneweide. In der Ausstellung ist ein Bereich zu Widerstand gegen Zwangsarbeit. Dort werden die beiden Beispiele ausgestellt. ↩︎