Warum noch Reiseführer benutzen und dafür Geld ausgeben, wenn es das alles doch auch immer irgendwo gratis im Internet gibt? Weil es Zeit, Geld und Nerven spart. Wir erklären das anhand einer Rezension der Marco Polo Reiseführer für Brüssel und Barcelona.
Unerlässlich: Resieführer
Einer meiner Lieblingsfilme ist „Kelly`s Heros“ (dt. „Stoßtrupp Gold“, 1970). In einer der ersten Szenen verhören US-Soldaten einer Aufklärungseinheit einen gefangenen deutschen Obristen. Die GIs interessieren sich allerdings recht wenig für militärische Fragen. Sie erhoffen sich vielmehr Auskunft über Anzahl und Zustand der Vergnügungs- und Freizeiteinrichtungen in der nächsten zur Zeit noch hinter der Front liegenden Stadt Nancy. Als Grundlage für ihr Verhör dient ihnen dabei eine Ausgabe eines Michelin-Guides (Die Szene gibts bei Youtube hier:
https://www.youtube.com/watch?v=NRa98uoBg_8 ).
Nachdruck für die US-Armee
Die US-Armee hatte tatsächlich 1944 die letzte Vorkriegs-Version dieses Reiseführers nachdrucken und vor der Landung in der Normandie an alle Offiziere verteilen lassen. Die Hoffnung war, dass die Truppenteile sich so besser zurecht fänden und weniger verloren gingen.
Warum Papier?
Reiseführer*innen gibt es immer noch. Und sie erfüllen nach wie vor ihren Zweck. Ich bevorzuge gegenüber dem Internet nach wie vor die Buchform. Die dünne Buchform. Sie passt in die Seitentasche des Rucksacks. Und ich kann darin lesen, wenn der Zug wieder einmal Verspätung hat.
Ohne Storm, immer zur Hand
Ich benutze ihn ähnlich wie die Soldaten im Film-Clip. Ich erinnere mich an eine Reise nach durch Spanien nach Portugal. Es hatte mich nach Sevilla verschlagen. Ich wusste grob, dass ich ins südliche Portugal weiter reisen wollte. Doch wo genau? Ich hatte keine Ahnung. So schlug ich in einem Cafe den Reiseführer auf, lass die kurzen Informationen über die kleinen und größeren Orte an der südlichen Küste Portugals. Das ist der erste Vorteil gedruckter Reiseführer: Ich kann sie nebenbei im Zug, im Cafe, im Nirgendwo ohne Strom und Internet lesen.
Vorsortiere Infos
Bei der Lektüre erfuhr ich, das eine Stadt names Faro sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sei. Den Ausschlag, dieses Ziel zu wählen, gab jedoch die Information, dass es dort an der Küste eine Lagune voller Artenreichtum gäbe. Weil auch ich nicht in der Steinzeit lebe, schlug ich nun im Internet den Ort Faro nach. Ich fand noch mehr interessante Infos und Gründe, die Stadt zu besuchen. Doch hätte ich gleich im Internet nachgesehen, hätte mich die schiere Fülle an verfügbaren Informationen sicher erschlagen. Dieses Vorsortieren der Information ist mein zweiter Grund, gedruckte Reiseführer zu verwenden.
Karten für Vorstellung von Raum und Zeit
Der dritte Grund sind im Service-Teil der Reiseführer enthaltenden Karten und Netzspinnen des öffentlichen Nahverkehrs. Diese geben mir eine räumliche Vorstellung davon, wo ich mich befinde, wo ich mich bewege, und in welchen Relationen die geografischen Punkte zueinander stehen, durch die ich mich bewege. Das hilft mir sehr bei der Orientierung und der Planung meiner Tage und Weiter-Reisen.
Im Restaurent reservieren und Guell-Park
So war es auch mit den Marco-Polo Reiseführern zu Barcelona und Brüssel, die uns der Verlag Mairdumont aus Ostfildern freundlicherweise im Vorfeld unserer Reisen in diese Städte gestellt zur Verfügung hatte. Dem Reiseführer für Barcelona verdanken wir ein Abenteuer abseits der Touristengebiete nahe der Altstadt und dem Meer im Park Guell, auf den wir sonst nicht aufmerksam geworden wären. In Brüssel war der Tipp mit dem Albert, dem Cafe in der Königlichen Bibliothek sehr hilfreich. Und dass man wirklich in Restaurants reservieren muss.
Robustes Design
Beide Reiseführer sind 2025 neu aufgelegt worden. Sie haben beide um die 150 Seiten. Sie enthalten beide einen herausnehmbaren und aufklappbaren Stadtplan. Sehr praktisch sind auch die Übersichtskarten und die Netzspinnen des Nahverkehrs im Einband. So muss man nicht blättern und dank des festeren beschichteten Papiers des Einbandes gehen die hier abgedruckten Karten trotz ständigen Anfassens nicht kaputt. Das Bild oben ist nach den Reisen entstanden, ihr könnt also sehen, wie gut in Schuss die noch sind, obwohl wir die tagelang mit rumgeschleppt haben, sie durch dutzende fettige und Speiseeis tropfende Hände gegangen sind und diverse Male gefährlich Nahe an umkippenden Kaffee- und Teepötten befanden.
Kompakte Informationen
Auch sonst sind die Reiseführer schematisch aufgebaut und erleichtern dem sie Nutzenden so enorm die Informationsaufnahme. Bereits der Einband enthält eine Liste mit zehn Sehenswürdigkeiten. Gleich nach den Inhaltsverzeichnis und dem Hinweis auf das digitale Angebot folgen kurz gefasste „best of …“ (Hinweis: immer beim „Best of mit Kindern“ gucken: Da stehen die Infos zu den Dino-Museen). Es folgen unter der Überschrift „So tickt…“ landestypische Informationen zu Kultur, Politik und Geschichte (man will ja nicht als uniformiert gelten). Das nächste lange Kapitel heißt Sighseeing; darum gehts ja und hier dürfte für die meisten Menschen der meiste Mehrwert der Reiseführer liegen.
Verändertes Nutzer*innenverhalten
Gastronomie und Hotels? Als Teenie habe ich die nächsten Kapitel immer links liegen lassen. Hotels waren eh zu teuer und wer braucht Gastronomie bei dem bisschen, was wa essen? Nun, wo wir Jugendbegegnungen organisieren, wissen wir diese Kapitel deutlich mehr zu schätzen. Sie geben einen schnellen Einblick, wo man auch mit Gruppen geplant hin kann und wo man preiswerte Unterkünfte findet.
Erlebnistouren sparen Zeit
Weitere Kapitel sind Shoppen, Ausgehen und feiern, Aktiv und entspannt. Am Schluss befinden sich die Erlebnistouren. Ich persönlich finde das einen sehr guten Service. Denn das Zusammen stellen von Touren und Spaziergängen ist Kernaufgabe bei der Planung von Bildungsreisen. Und es ist einfach viel weniger zeitaufwendig, die vorgeschlagenen Touren entsprechend der eigenen Themen und Schwerpunkte abzuwandeln, als für eine Stadt, die man nicht kennt, sich das selber im Team erarbeiten zu müssen.
Karten und Nahverkehr
Abgerundet wird das Angebot durch Karten, Stadtpläne und Nähverkehrsübersichtspläne. Das ist sehr nützlich, sowas gleich an Tag 1 dabei zu haben. Und in den entsprechenden Momenten sind die Handys leider immer ohne Strom. Was wir außerdem an der Arbeit mit Karten auf Papier schätzen: Sie geben uns und unseren Teilnehmer*innen ein deutlich besseres räumliches Bewusstsein und Verständnis vom Raum, durch den wir uns bewegen.
Mehr Infos:
Reiseführer Brüssel
Schneider, Michael: Marco Polo Brüssel,
2025 Mairdumont Ostfildern
ISBN 978-3-8297-4086-9.
17,95
Reiseführer Barcelona
Timmermann, Ingrid: Marco Polo Barcelona
2025 Mairdumont Ostfildern
ISBN 978-3-8297-4083-8
17,95
Wir in Brüssel:
https://vernetzungpartizipation.noblogs.org/post/2026/01/15/wir-in-bruessel/
Wir in Barcelona:
https://vernetzungpartizipation.noblogs.org/post/2025/10/09/bericht-vom-fossil-ad-ban-gathering-in-barcelona/